Radio Belgrad über Austrocalypse NOW!

Austrocalypse Now – Ein auf in Wien und Belgrad mit Veteranen des letzten Balkankrieges durchgeführten Interviews basierendes Theaterstück, von Alexander Nikolic in Zusammenarbeit mit Michael Kalivoda. Durchgeführt durch die freie Gruppe BOEM* aus Wien, im Projekt Naming It WAR, im Zentrum für kulturelle Dekontamination, Belgrad am Freitag dem 28. Feber 2014.

Wie wir zu „Wardogs“ wurden?

Eines der wichtigeren Projekte des Zentrums für kulturelle Dekontamination in letzter Zeit ist die Erforschung der Ursachen und Gründe, die Dauer und die Folgen jenes Krieges, der zum Zerfall Jugoslawiens geführt hat, welcher unzählige Opfer hinterließ, noch mehr Menschen verletzt zurückgelassen hat, und/oder auf Dauer vertrieben hat.

Im Rahmen des Projektes Naming It WAR, dessen Hauptziel es ist – Erfahrungen und Aussagen unterschiedlichster Akteure aus dem Territorium Serbiens – innerhalb der Jugoslawischen Volksarmee, aus paramilitärischen Einheiten, der Polizei, von Freiwilligen, von Reservisten – zu sammeln, ist es inzwischen zum Hauptziel geworden, zu beweisen, dass dieser Krieg tatsächlich stattgefunden hat – und das Serbien daran teilgenommen hat – zuerst im Namen Jugoslawiens, und später auch als Serbien selbst.

Innerhalb des Projektes werden die Kriege gleichwertig bewertet, von 1991 in Kroatien, in Bosnien und Herzegovina, Kosovo wie auch die Kriege mit den NATO-Kräften und den Einheiten der UCK im Jahr 1999. Die Gespräche wurden in Serbien von Aktivisten geführt – ungefähr 300 Interviews mit ehemaligen Angehörigen unterschiedlichster Einheiten, welche von Serbien aus losgezogen sind und beziehen sich auf Themen wie Überleben in solchen Situationen, persönlicher Erfahrungen, der Interpretation damals unbekannter Details und endlich – der Anerkennung der persönlichen Rolle im Krieg, ohne ideologische Maske, welche sowieso von selbst durch die Erfahrungen im Krieg und danach gefallen sind.

Es ist nahezu unmöglich alle diese Interviews erzählerisch wiederzugeben, aber in einem längerem Zeitraum, im Umfeld unterschiedlichster Aktionen und Gesprächen, round tables, Podiumsdiskussionen und Versammlungen, zeigt sich langsam ein komplexes Bild dieses Krieges und es kommt zu etwas das Unumgänglich ist – das wir den Grund, die Art und die Verantwortung für diesen Krieg erkennen – vom Einzelnen bis zum Staat … das wir den internationalen Kontext verstehen und damit auch mehr und mehr Aspekte dieses Krieges, welcher gerade in Serbien auf mehreren Ebenen sorgfältig verschleiert wird.

Das gefühlt grösste Problem jener, welche den Einberufungsbefehlen gefolgt sind, ist, das ihnen nie die Teilnahme am Krieg ausgewiesen wurde, ein Status welcher für sie extrem wichtig ist – sie als Veteranen zu bezeichnen und nicht als Teilnehmer an militärischen Übungen.

Die mobilisierten Soldaten fordern ihren Lohn, Tagessätze für Einsätze im Krieg, und manche haben sie durch Streiks, Drohungen, Aufständen erkämpft … andere haben sie nicht bekommen und es sieht nicht danach aus, das sie sie jemals – in Zeiten des generellen Geldmangels – bekommen werden.

Es war ein Krieg, welcher nicht den Funken einer realpolitischen Notwendigkeit besaß – welcher sehr geschickt mit unterschiedlichsten Lügen begonnen wurde, aber die Mobilisierungen haben wirklich stattgefunden und nur wenige, für alles bereite und Mutige und Geschickte haben es geschafft sich der Einberufung zu entziehen, unter der Gefahr ihren Arbeitsplatz zu verlieren, innerhalb der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, oder sogar auch als Kriegsdienstverweigerer erschossen zu werden – wie es der Abgeordnete der SPS , der Schauspieler Aleksandar Bercek im Parlament Serbiens gefordert hat, als hunderttausend junge Männer ins Ausland geflohen sind, und viele von ihnen niemals zurückgekehrt sind!

Viele sagen, dass die grösste europäische Stadt, welche von allen Menschen des ehemaligen Jugoslawiens bewohnt wird, Wien ist. Dort leben und arbeiten sie als klassische Gastarbeiter, Kriegsflüchtlinge und Nachkriegsflüchtlinge. Oft, arbeiten sie – Serben, Kroaten, Bosnier – bis gestern noch Kriegsgegner – in den selben Unternehmen. Sie alle haben ihre eigene Perspektive auf diesen Krieg – manche haben es geschafft zu verstehen was ihnen geschehen ist – andere können sich nicht anpassen – sie leiden unter dem bekannten Vietnam- oder Nachkriegssyndrom. Eine gewisse Anspannung ist immer präsent, parallel zum Prozess eines Friedensschlusses, welcher sehr langsam und schwer vorangeht.

Über diese Bewohner Wiens, hat eine kleine Künstlergruppe – das BOEM, eine einfache, dokumentarische Vorstellung gemacht, basierend auf den dramatischen Erzählungen ehemaliger Soldaten, welche sie in Rehabilitationszentren, in Arbeiterklubs, bei Treffen mit Flüchtlingen, im Zentrum der Stadt gemacht haben, und eben im Arbeiterbezirk wo diese Gruppe – lebt und arbeitet – im Boem. Die Aussagen drehen sich hauptsächlich darum – warum und wie diese Person in den Krieg gezogen ist – nach Einberufung durch die jugoslawische Volksarmee, der serbischen Regierung … was sie dort erlebt haben – wie viel Schmerz, Angst, wie viel Enttäuschung und ungezählten Verrat und welcher Gewalt sie beigewohnt haben – und natürlich was sie heute davon denken, während sie in Wien arbeiten – aber Nächtens die Alpträume wiederkehren?

Viele haben ihr Gehirn vollkommen ausgeblendet. Sie können weder sich, noch den Krieg, weder die Vergangenheit noch die Zukunft verstehen – sie können nicht in ihr Leben zurückkehren und ergeben sich dem Alkohol und der Gewalt. Klarerweise kommen sie mit dem Gesetz in Konflikt, kommen vor Gerichte, ins Gefängnis, werden abgeschoben in ihr Ursprungsland – und ihr Leben ist auf Dauer zerstört. Österreich ist gut organisiert im Umgang und in der Bekämpfung der Krankheit „Vietnamesisches Syndrom“ oder dem Nachkriegssyndrom – in Form von Spitälern, Rehabilitationszentren, psychosozialen Diensten … aber wie viele Menschen haben überhaupt den Mut und Willen um diese Strukturen aufzusuchen und zu nutzen? Wie viele von ihnen bleiben in ihren dunklen Erinnerungen – den alltäglichen erschütternden Versuchen sich ihre Schuld, ihre damaligen Überzeugungen – welche sie in den Krieg geführt haben zu erklären – gefangen … oder ihre Ängste, vor den Feinden – vor sich selbst?

Aber das Leben muss weitergehen – das Leben der Gastarbeiter – der Arbeiter, ist überhaupt kein einfaches Leben, schon von sich aus und wenn es durch Traumas verkompliziert wird – wird es leicht zur Hölle – für diese Person, aber auch für seine Umgebung – Familie, Nachbarschaft, in Arbeitszusammenhängen. Aber wo ist der Ausgang und wie überkommen wir solch schwere Bilder – welche diese ehemaligen Soldaten in all ihrem Schrecken, Angst, Schrecklichkeit und Intensität überkommen?

Die Vorstellung heißt AUSTROCALYPSE NOW, assoziativ wie die schreckliche filmische Erzählung mit Marlon Brando über Vietnam – APOCALYPSE NOW – ein Film der zu den erschütterndsten und schrecklichsten Kriegsfilmen über den Vietnamkrieg gilt. Die Vorstellung ist einfach gehalten – bei einer Polizeirazzia wurde ein Mann verhaftet, welcher sich in seiner Fantasie vorbereitet hat sein Hochhaus in Wien zu verteidigen, indem er Waffen und Technik gesammelt hat, sich eine Strategie zurechtgelegt hat – und nachdem es als ein lokaler terroristischer Akt wahrgenommen wurde – wurde er klarerweise verhaftet. Wir wohnen seinem Verhör bei – er ist klarerweise ein Veteran aus Serbien – und er versucht jetzt zu verstehen was mit ihm geschieht – wie verrückt er ist und was das überhaupt bedeutet? Zwei Polizisten und natürlich er – sind auf der Bühne. Gespielt werden sie – einfach und direkt, klar und dokumentarisch von den jungen SchauspielerInnen – Ana Stefanović Bilić, Oktay Günes und Jimi Lend – offensichtlich selbst auch Angehörige unterschiedlicher Nationen. Der Autor ist – ebenfalls der junge Alexander Nikolic – ein Performer und Videokünstler in Zusammenarbeit mit Michael Kalivoda. Das Verhör ist gewalttätig, grob und voller Missverständnisse, Schläge unter der Gürtellinie und mit angekündigten Foltermethoden eines dubiosen Polizeiapparates und der miesen Charaktere in seinem Dienst. Der Beschuldigte ist unglücklich, aber frech und unnachgiebig in seinem unbewussten Hass gegenüber allem. Dieser hartnäckige Dialog – mit unabsehbarem Ausgang – wird unterbrochen von einfachen – die Schauspieler treten aus ihrer Rolle und werden zu Zeugen – erzählen kurze Geschichten von Kriegsteilnehmern. Ein tragischer Kreislauf wiederholt sich – Polizeigewalt und die Zeugenschaft schmerzhafter Erinnerungen – verwickeln sich in einem bitteren und brutalen Kreis – ohne Aussicht jemals durchbrochen zu werden.

Es ist eine schmerzhafte und schwere dunkle Zeugenschaft von Menschen, welche durch äussere Umstände zu „WAR DOGS“ wurden und nicht wieder zu Menschen werden können – und das quält sie ohne Ende und zerreisst sie.

Die Vorstellung welcher wir beigewohnt haben im Zentrum für kulturelle Dekontamination – spielt in Wien. Das österreichische Publikum möchte die Probleme ihrer Mitbewohner verstehen. Das Publikum – hier wie auch dort – durchlebt den ganzen Schrecken – welcher auch durch die unterschiedlichsten Medien mitbekommen hat wieder – während auf der Bühne Aussage auf Aussage folgt. Das ist ein weiterer Versuch über den Krieg etwas ehrliches zu sagen, und diesen Krieg und all die Krankheiten zu überkommen – damit wir von „WAR DOGS“ wieder zu Menschen werden können. Wir alle – wir und auch die Österreicher – Soldaten in Uniformen, jene welche sie dort unter quasi-patriotischen Parolen geschickt haben, und sie dann auf Gedeih und Verderb den Ängsten und Gewissensbissen sich selbst überlassen haben. Ein ausgezeichnetes und notwendiges Stück! Es wird noch einmal auf der kleinen Szene gespielt und dann zwei mal in Pancevo! Sehen sie es sich ruhig an! Ich gratuliere!

Goran Cvetkovic, Radio Belgrade 2, Montag, 3. März 2014

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